Rolf Kühn

Der Musikjournalist, Autor und Klangkünstler Michael Rüsenberg lädt Jazzgrößen bei „Speak Like A Child“ zu einem interessanten Austausch ein. Der Titel der Reihe geht zurück auf das Titelstück des legendären Herbie Hancock-Albums von 1968 und ist eine Referenz an die musikalische Grundfarbe des Stadtgartens. Jetzt gibt es die beliebte Interviewreihe auch als Podcast, zu hören hier auf dieser Website, Spotify und iTunes.

Rolf Kühn, 92, ist der weltläufigste Musiker des deutschen Jazz. Mehr noch, er verkörpert überhaupt die Geschichte dieser Gattung wie vermutlich niemand sonst mehr, auch nicht in Amerika. Denn - bitte festhalten - wer könnte reklamieren, sowohl mit Benny Goodman und Ornette Coleman als auch mit Michael Brecker und Christian Lillinger gespielt zu haben? Wer könnte mit einer so grandiosen Anekdote aufwarten, nach dem Verlust des Hausschlüssels bei der Nachbarin geklingelt zu haben - einer Nachbarin namens Billie Holiday - als Rolf Kühn?

Von 1956 bis 1962 hat er in New York City gelebt. Geboren ist er am 29. September 1929 in Köln. Die meisten seiner Aufnahmen für das legendäre Label MPS hat er in der Domstadt produziert. Ein kölscher Jung aber ist er nicht, aufgewachsen ist er in Leipzig. Dort hat ihn eine Frau 1947 zum Jazz geführt, die Pianistin Jutta Hipp (1925-2003). Hauptpartner war und ist sein 14 Jahre jüngerer Bruder, der Pianist Joachim Kühn. In diesen Tagen nimmt Rolf mit seinem aktuellen Quartett eine neue CD auf, am Kontrabaß: Lisa Wulf.

Sein Instrument, die Klarinette, übt er immer noch zwei Stunden täglich, „mindestens“. Auf einzigartige Weise hat er sich damit sowohl in der Jazz-Tradition als auch in der -Avantgarde behauptet. Ausflüge in die „Funktionsmusik“ (er hat für „Tatort“ und „Derrick“ komponiert und das Musical „Hair“ adaptiert) haben seinem Ruf nicht geschadet.

Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist er per Du. Gleichwohl, im Gegensatz zu Manfred Schoof, Klaus Doldinger, den Brüdern Albert und Emil Mangelsdorff wurde ihm das Bundesverdienstkreuz (noch) nicht verliehen; außer dem Kulturpreis einer Berliner Lokalzeitung hat er erstaunlicherweise keine nennenswerte Auszeichnung erhalten.

Also, es gibt keinen dringenderen Kandidaten für den Albert Mangelsdorff Preis 2023 als Rolf Kühn.

Das Gespräch mit ihm fand am 5. Dezember in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg statt.

Text: Michael Rüsenberg

Fotocredits: Rolf Kühn © Gregor Fischer, picture alliance

„Billie Holiday wohnte im Parterre und ich im dritten Stock, eine tolle Gemeinschaft“ - Nr. 26 W 87th Street., die Jahre in New York City 1956-1962: die Chancen, der Rassismus (00:00)
„Note für Note habe ich von der Platte gestohlen“ - „Hallelujah“ von Benny Goodman, ein Schlüsselerlebnis in Leipzig, 1947 (00:00)
„Jeden Morgen, wenn ich zur Schule musste, lief im Radio Albert Vossen, eine kölsche Jung“ - über die Klarinette (00:00)
„Dieses Stück Holz hat soviel Eigenwillen, den man in gewisser Form brechen muss“ - zwei Stunden üben täglich, mindestens! (00:00)
„Es ist ein anderes Gemeinschaftsgefühl hier. In New York geht es mehr um das Geschäftliche“ - über Jutta Hipp, Lisa Wulf, Christian Lillinger, die Arbeit in Bands mit verschiedenen Generationen (00:00)
„Der Vorspann sollte dreieinhalb Sekunden lang sein - meiner war knapp vier…“ - Komponieren für „Tatort“, „Derrick“ usw. (00:00)
„Wir haben uns keine restrictions auferlegt….“ - die Zusammenarbeit mit Joachim Kühn (00:00)
„Ich vermisse Buddy de Franco und Walter Quintus…“ - das Alter, die Freiheit des Jazzmusikers (00:00)
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